ANDRÉ BRIE    
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André Brie, Rede zur Eröffnung der Barbara-Henniger-Ausstellung in Brandenburg/Havel am 19. April 2009

 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

es ist in vieler Hinsicht ein Wagnis für mich, zur Eröffnung einer Ausstellung der Karikaturen von Barbara Henniger zu sprechen.  

Erstens ist es immer fraglich, über Kunst zu reden, wenn sie rund um uns in viel besserer, nämlich bildlicher Form an den Wänden hängt.  

Zweitens bin ich kein Experte, mit Harald Kretschmar ist im Gegenteil nicht nur einer der Praktiker, sondern auch einer der besten Kenner und Kritiker dieser Kunstform hier anwesend. Über die Künstlerin ist, wie ich wenigstens auszugsweise entdecken konnte, zu verschiedenen Anlässen auch schon viel Anregendes und Zutreffendes geschrieben worden.  

Drittens begleiten mich die Arbeiten Barbara Hennigers zwar bereits seit Jahrzehnten, und damit sage ich nichts über die Lebensjahre der Künstlerin, denn mit meiner alten und altmodischen Schule weiß ich, dass man darüber nicht spricht, ich sage damit nur etwas über mein Alter. Aber Barbara Hennigers Werk ist so reich, vielfältig, wandelbar und zugleich, nein, niemals linientreu, aber immer der eigenen Lebenslinie treu, dass ein Laie, ein Zeitungs-, Eulenspiegel- und Bücherleser und –betrachter wie ich natürlich nur einen Teil davon kennen kann.  

Doch in dieser Hinsicht bin ich vielleicht doch der Experte, auf den es ankommt. Denn Barbara Henniger hat immer für mich gezeichnet, sie hat aufs Korn genommen und nimmt aufs Korn, was auch mich ärgerte oder hätte ärgern sollen, was auch mich verstörte oder hätte verstören sollen, was ich nicht sah, aber hätte sehen sollen. Nicht selten fühle ich mich auch selbst in ihren Karikaturen ertappt. 

Karikatur, das habe ich nachlesen müssen, kommt aus dem Italienischen und bedeutet Überladung, vom lateinischen carus, dem Karren. Aber überladen ist Hennigers Karre nie. Ihr Strich ist wie bei allen wirklich guten Karikaturisten, und von denen gibt es nicht so viele, unverwechselbar. Deshalb ist, zumindest für mich, das einzig Überflüssige an ihnen die Signierung mit ihrem Namen. Zu diesem Unverwechselbaren gehört bei ihr die schwer erreichbare, eben meisterhafte, grafische und künstlerische Einfachheit, Klarheit, manchmal auch spartanische Sparsamkeit, könnte man sagen, wenn die nicht so militaristisch gewesen wäre und damit zwangsläufig eine Zielscheibe Hennigscher Satire, lustiger Angriffslust, Kunst geworden wäre.  

Doch so alt ist Barbara Henniger natürlich nicht. Nur Militarismus, Obrigkeitsdenken, herrschsüchtige Bürokratie, Untertanengeist sind ebenso alt wie jung. Sie zu hinterfragen und lächerlich zu machen, ist, da darf man doch etwas zuversichtlich sein, aber ebenso alt und jung. Jung, nicht zuletzt durch Barbara Henniger.  

Ich schließe jedoch nicht aus, dass sie sich irgendwann und irgendwo auch mal die alten und neuen alten Spartaner vorgeknöpft, vorgezeichnet hat. Den antiken, schicksalsgefesselten, mühebeladenen, unermüdlich und doch vergeblich kämpfenden, Sisyphos hat sie in einer ihrer Karikaturen, meiner Lieblingskarikatur,  ja auch zu einem genießerisch lustvollen Optimisten befreit.  

Aber Überladen im Sinne von Zuspitzung, Verzerrung, hinterlistiger List – das sind Barbara Hennigers Karikaturen allemal. Was sie zuspitzt, wird als alltägliche Denkfaulheit kenntlich, was sie verzerrt, wird geklärt, was sie dem Lachen Preis gibt, offenbart sich als lachhaft.  

Dass sie es schafft, wo doch Wirklichkeit, Leben und Politik selbst oft so zugespitzt lächerlich sind, dass man sich kaum vorstellen kann, wie man sie künstlerisch und satirisch noch zu übertreffen vermag, das ist vielleicht ihr Geheimnis, ein Teil dessen, was ihre Karikaturen zur Kunst macht. Sie übertrifft eben nichts, sie trifft. Ins Schwarze, in den Lachnerv und in jenen Teil des still und lahm gelegten oder übersättigten Gehirns, der es wieder in Gang setzt und hungrig macht.  

Barbara Henniger kommt in manchen Karikaturen ohne Worte aus. Aber dort wo sie das Wort einsetzt, und das ist sehr selten unter ihren Kolleginnen und Kollegen und gehört zu dem, was ich an ihr besonders bewundere, ist der Text nicht die Reparatur grafischer Defizite oder der oberlehrerhafte Zeigefinger für die Erklärung der Karikatur, sondern eine gleichberechtigte und ebenso gekonnte literarische Satire.  

Da gibt es keine Zeit und Zeitenwende und keinen Zeitgeist, kein politisches oder privates Verhalten, die ihr nicht den Stoff lieferten. Deshalb sind ihre Karikaturen zugleich Zeitdokumente und zeitlos. Sie hingen und hängen nicht vom Zeitgeist ab, den und dessen Untertanen sie ohnehin so gern karikiert. Sie hängen von Barbara Hennigers Geist und ihrer Kunst ab. Die erweisen sich als unbestechlich und beständig.  

Barbara Henniger ist nichts heilig. Aber sie verteufelt mit einer Ausnahme nichts. Sie weiß, dass unsere Dummheiten allzu menschlich sind. Gerade deshalb können wir auch begreifen, dass wir uns mit ihnen nicht abfinden müssen. Ihre Themen scheinen unerschöpflich. Vor und nach der Wende, ohne sich zu wenden, attackiert sie unsere bedenkenlose Gedankenlosigkeit, den Amtsschimmel jeder Art, die Müllhalde, die wir aus unserer Erde machen, prinzipienlose Gleichgültigkeit. Wenn es sich aber um Rassismus und seinen Dünkel handelt, lassen Barbara Hennigers Satire und Ironie keinen Zweifel, dass es gegen unmenschliche Dummheit geht. Darüber können wir uns nicht totlachen, sie tot zu lachen, wäre zu schön, aber alles kann uns die Satire eh nicht abnehmen. 

Auch, wenn ich alte Eulenspiegelhefte und Bücher durchsehe, die Zeit ist nicht über Barbara Hennigers Arbeiten, sie ist über die Zeit hinweggegangen. Sie übersieht sie nicht. Sie sieht sie. Und dann wird eben unübersehbar, dass die Zeit und die Zeiten und deren amtliche, politische oder ganz private Spießgesellen, sich oft doch all zu ähnlich sind. 

Ich könnte Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Hennigschen Satire, auch noch einiges über die Künstlerin selbst erzählen. Vor einer Epoche, als ich sie und ihren Mann gelegentlich im Eulenspiegelverlag traf - ach, wie kurzlebig sind Epochen 1989 und vielleicht schon wieder glücklicherweise geworden -  war es ohnehin üblich dem durch eine Ausstellung oder einen Geburtstag Geehrten erst einmal zu erzählen, wann und wo er oder sie geboren wurde, was er studiert und gearbeitet hat, welche Preise und Auszeichnungen er erhalten hat. Das war zu jener Zeit bestimmt auch notwendig, weil die Adressaten nicht unbedingt wissen konnten, welcher Teil ihres Lebens und Wirkens gerade Geltung besaß und welchen sie auch selber lieber vergessen sollten. Barbara Henniger braucht das nicht, und wir alle brauchen das, Gott sei Dank, auch nicht mehr. Möchte ich zumindest hoffen. 

Über ihre Karikaturen werde ich sowieso nicht im Einzelnen reden. Die hängen hier, die finden sie im „Eulenspiegel“, in Katalogen und vielen Büchern. Sehen Sie sie sich gefälligst an. Denken und reden Sie lieber selbst darüber! Dafür bin ich nicht da, dafür ist Barbara Hennigers Kunst, dafür sind nicht zuletzt Sie selbst da!

 
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