ANDRÉ BRIE    
EUROPA | TAGEBUCH MIT REISENOTIZEN
 

11. Mai 2004 | André Brie  

Heißer Stuhl im siebten Himmel

Turbulent war die vergangene Woche. Die Diskussion in Worms war lebhaft und bunt.  Die Fragen und Meinungen reichten von sehr kritischen Positionen zur Verfassung und den militärischen Bestrebungen in der EU, über die am Wochenende in Rom nun auch offiziell erfolgte Gründung der Europäischen Linkspartei und der Rolle von ATTAC bis zu den Problemen der PDS, in den alten Bundesländern Fuß zu fassen. 1990 hatte Gysi einmal gemeint, „das notwendige Milliönchen“ für die 5 % werde die PDS in Westdeutschland schon bekommen. 14 Jahre später hat es zwar einen Anstieg der Stimmen von 0.3 auf 1 oder 1,2 Prozent gegeben, aber die PDS ist dort unverändert weit davon entfernt, eine politisch wirkungsvolle Rolle zu spielen. Meinungsforschungsresultate zeigen zwar eindeutig, dass es auch in den alten Bundesländern ein Wählerinnen- und Wählerpotential von ca. zehn Prozent für eine Partei links von der SPD und den Grünen gibt, aber die politisch-geschichtliche und wohl noch mehr die kulturelle Barriere gegen die PDS ist immer noch zu hoch. Umgekehrt, das äußerte ich in Worms nicht zum erstenmal, sind die erforderliche politische Öffnung und die weitere politische und kulturelle Veränderung der PDS wohl nicht ausreichend. So etwas lässt sich auch nur schwer „künstlich“ beschleunigen. Umso wichtiger wäre es meiner Meinung nach für die Perspektive einer linken, konsequent  realistischen und konsequent demokratischen sozialistischen Bewegung, dass auch die von der SPD enttäuschte Linke in Westdeutschland ihre abwartende und sehr skeptische Haltung gegenüber der PDS zurückstellt und sich am Streit um dieses sicherlich komplizierte Projekt beteiligt. Die PDS hat unbestreitbar wichtige Defizite in ihrer Entwicklung, aber erstens ist sie auch einen großen Weg bereits gegangen, zweitens würde die gesamte sozialistische und kapitalismuskritische deutsche Linke in Deutschland mit leeren Händen da stehen, wenn die PDS scheiterte. Es gab viel Zustimmung in Worms zu dieser Meinung. Am nächsten Abend an der Uni in Trier war es ruhiger, dem Ort entsprechend akademischer. Mir war es Recht. So konnte ich schon um 20 Uhr zur Autofahrt nach Dresden starten, kam früh morgens um 3 an. Um 11 habe ich geheiratet. Einen Tag lang gab es keinen Gedanken an Wahlkampf und Politik, aber das tiefe und anhaltende Gefühl, dass es viel Wichtigeres und Schöneres gibt. Bereits am Sonnabend ging es jedoch weiter. Beim Europafest der PDS in Erfurt nahm mich der Chef der berühmten Artistenfamilie Traber auf dem Motorrad mit aufs Hochseil. Ich sei ja sowieso schon im siebten Himmel. Von dort oben wurde ich interviewt. Heißer Stuhl nannten es die Genossen. Angesichts der riesigen PDS-Fahnen am Mast des Hochseils war Traber von einem Mann etwas aggressiv gefragt worden, warum er ausgerechnet bei der PDS Wahlkampf mache. Seine Antwort: „Ja, das muss man sich schon richtig aussuchen.“

 
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