ANDRÉ BRIE    
EUROPA | TAGEBUCH MIT REISENOTIZEN
 

15. April 2004 | André Brie

Schorlemmer, Ostermarsch, Zhou Chun

Ostern war fast wahlkampffrei. Ich habe nur einige Texte aus dem PDS-Wahlbüro durchgesehen und hatte Zeit für meine Frau, für mich, fürs Joggen, für den Wald, den Garten, Freunde, und Zeit zum Lesen. Zwei lange Artikel von Friedrich Schorlemmer gehörten dazu, einer aus dem jüngsten "Freitag", den er an seine "Freunde in der SPD" gerichtet hat, einer aus der Osterausgabe des "Neuen Deutschland", eine typische Schorlemmer-Deutung der Kreuzigungsgeschichte. Ich bewundere an ihm die unbeirrbare politische Kultur der Auseinandersetzung und seine politische Konsequenz. Vielleicht ist er im "Freitag" nicht frei von der durchdringenden Wirkung neoliberaler Argumente, aber zum einen hat er Recht, die grundlegenden Veränderungen in der globalisierten Welt und in der Gesellschaft zur Kenntnis nehmen zu müssen, zum anderen gibt er seine linken Überzeugungen auch dort nicht auf.

Im "Neuen Deutschland" schreibt er als Theologe, aber seine Schlussfolgerungen sind wunderbar politisch und aktuell. Eine, hier leider aus ihren "widerborstigen" Zusammenhängen gerissen, war mir an diesem blutigen irakischen Wochenende besonders wichtig:"Die Kreuzigung Jesu kann als eine Reaktion auf seine alle Verhältnisse in Frage stellende Bergpredigt verstanden werden, als Komplott jener, die nicht ertragen können, dass einer es wagt, den destruktiven Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Schnelle Beseitigung der Feinde und nicht langwierige Überwindung der Feindschaft heißt die Devise." Das zumindest ist die heute herrschende Politik, die bestenfalls in die Sackgasse führt, schlimmstenfalls in den Abgrund. Und nicht nur im Irak. Deshalb war ich am Sonntag auch mit 8000 Menschen beim Ostermarsch gegen das Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner Heide, keine fünfzig Kilometer von meinem Dorf entfernt.

Nicht vor der letzten Zeile losreißen konnte ich mich von dem autobiografischen, auch literarisch großartigen, Buch des Chinesen Zhou Chun: "Ach, was für ein Leben!" Er, der 1926 in Shanghai geboren wurde und heute in Berlin lebt, musste als so genannter Rechtsabweichler Jahrzehnte in Straflagern und Verbannung zubringen. Es ist eine so bedrückende Frage, wie man lebt, wenn einem die Jugend und so viel Leben gestohlen wurden. Und dann der offizielle Zynismus bei der "Rehabilitierung": "Genosse Zhou, du bist nie bestraft worden. Merke dir, 1964 bis 1978 war für dich eine ereignislose Periode." Am Schluss des Buches jedoch meint Zhou Chen: "'Die Abschaffung der Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen durch Menschen' bleiben für mich immer die Wahrheit und das Ideal. Ich hoffe, dass eines Tages echte Sozialisten dieses Experiment ... zum Erfolg führen werden." Ist das Ermutigung für Sozialistinnen und Sozialisten, die radikal gelernt haben wollen? Ohne Bedrückung konnte ich auch diese Sätze nicht lesen.

 
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