ANDRÉ BRIE    
EUROPA | TAGEBUCH MIT REISENOTIZEN
 

27. Mai 2004 | André Brie

"Der Cleverste wird Chef"

In zwei Stunden, gegen 11 Uhr, breche ich nach Aachen auf. Aber ich muss mich mal wieder außerhalb der Reihe zu Wort melden. Gern würde ich auch von einem gut besuchten Bürgerforum gestern Abend in Dresden-Klotzsche erzählen. Selbst nach der Veranstaltung gingen die Fragen weiter. Der Saal des Kurhauses war das Abenteuerlichste, was ich in 15 Jahren Politik gesehen habe: ein maroder, ehemals bestimmt prachtvoller neobarocker Saal, ausgehängt mit Faschingsdekorationen, großen blau-weißen Fahnen einer bayerischen Brauerei (auch zwei blau-weiße Bierpavillons standen am Rand), in einer Ecke fanden sich sogar drei große künstliche Weihnachtsbäume mit ihrem Glaskugelschmuck, dazwischen hingen von der zehn Meter hohen Decke fünf große PDS-Fahnen, und die Bühne war zum einen als Gartenlokal, zum anderen mit PDS-Sonnenschirmen und -Fahnen gestaltet. Es hatte jedoch einen wirren Charme.

Aber etwas anderes ist viel wichtiger. Vorgestern in Chemnitz, gestern im sächsischen Großenhain und in Gröditz traf ich zahlreiche ostdeutsche Unternehmer und Gewerkschafter, besichtigte auch zwei Betriebe: ein kleines Textilunternehmen und die Stema Leichtmetallbau GmbH (Fahrzeuganhänger), die mit dem "Mittelstandsoskar" ausgezeichnet worden ist. Die Situationen waren extrem unterschiedlich. Die Textilunternehmerin (neun Beschäftigte), PDS-Mitglied, erzählte von ihrem inneren Zwist, soziale Überzeugungen durchsetzen zu wollen, aber ihren Näherinnen nur einen Lohn zahlen zu können, von dem man eigentlich nicht leben kann. Stema dagegen ist bekannt geworden für wirtschaftlichen Erfolg (30 Prozent Marktanteil in Deutschland) und beispielhafte Bedingungen für die Beschäftigten. Die europäische Stahlpolitik ist für das Unternehmen aber zu einem ernsten Problem geworden. Sie hat ganz und gar nicht zu mehr Wettbewerb, sondern zu neuen Monopolen geführt. Kleine und mittelständische Unternehmen sind ihre erpressbaren Opfer. Widersinnig auch, was ich über die europäischen Zertifizierungsbedingungen zu hören bekam. Obwohl die Anhänger nach einer europäischen Norm zertifiziert sind, müssen mit hohen Kosten für das Unternehmen praktisch in jedem Land zusätzlich unterschiedliche nationale Abnahmen vorgenommen werden. Bemerkenswert war die gemeinsame Klage der Unternehmer und Gewerkschafter über die Folgen von Niedriglohnpolitik und Kaufkraftverlusten in Ostdeutschland für die wirtschaftliche Entwicklung. Ekkehard Neumann, der Stema-Geschäftsführer, war in seinem Redefluss nicht zu bremsen. Seine Fertigungsstätte in Ungarn sei eine große Chance für die Expansion des Unternehmens in Osteuropa und Richtung Türkei. Die Ungarn und anderen Osteuropäer hätten vor allem zwei Vorteile: keine Treuhand (Stema ist aus einem Treuhandbetrieb hervorgegangen) und heimisches Selbstbewusstsein. Woher, fragte er, soll ostdeutsches Selbstbewusstsein kommen, wenn 90 Prozent der ostdeutschen Wirtschaft personell oder finanziell in westdeutscher Hand seien, auch die Chefpositionen in Verwaltungen, Sparkassen, Polizei, Gewerkschaft fast immer mit Westdeutschen besetzt seien. Zudem: "Ich kenne die Mentalität, die Interessen und Sorgen meiner Belegschaft. Viele Westdeutsche sind dazu immer noch nicht in der Lage." Gerade hat er acht Arbeitsplätze für Behinderte eingerichtet. Beim Betriebsrundgang spürte ich die Achtung, die er bei den Beschäftigten genießt und die er selbst für sie hat. Ab Juli richtet er für Schülerinnen und Schüler aus 8. bis 10. Klassen eine Schülerfirma ein: "Der Cleverste wird Chef, die Schnoddrigsten Aufkäufer, die Hartnäckigsten kommen in den Vertrieb. Wer zwei linke Pfoten hat, in die Verwaltung."

 
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