ANDRÉ BRIE    
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Auszug aus der Rede zum 80. Geburtstag von Jakob Moneta

veröffentlicht in:

Möglichkeiten und Inhalte sozialistischer Politik nach dem sozialistischen Scheitern;

in: Jürgen Hinzer/Helmut Schauer/Franz Segbers (Hrsg.): Perspektiven der Linken; VSA-Verlag Hamburg 2000, S. 62-84

...Politik ist niemals risikolos. Max Webers Bild, Politik sei das Bohren von dicken Brettern mit Augenmaß und Leidenschaft, ist wohl noch viel zu mechanisch. Nur die Linke benötigt wirklich neben dem Augenmaß, dem Realismus, auch die Leidenschaft, eine Wertorientierung, eine gesellschaftliche Vision. Wir haben als Linke heute – der Krieg der NATO gegen Jugoslawien, das Umfallen von SPD und Grünen oder der Rücktritt Lafontaines haben das nur allzu deutlich gemacht – nicht nur ein dickes Brett vor uns, sondern wahrscheinlich einen ganzen Betonblock, und der Bohrer, den wir benutzen, ist sicherlich auch längst noch nicht der schärfste und härteste. Überhaupt ist Politik, wie doch jeder von uns weiß, ganz selten auf einem geraden Weg erfolgreich. Lenin sprach selbst in revolutionären Zeiten – und von denen sind wir weit, weit entfernt – davon, dass sie nur zwei Schritte vorwärts machen könne, indem sie einen zurück mache. Wir – wie die ganze europäische und auch die außereuropäische Linke – sind auf der Suche nach den Wegen zu einer sozialistischen Alternative. Es kann und wird dies nur das gemeinsame Ergebnis gemeinsamer geistiger, politischer und auch theoretischer Anstrengungen sein können. Vieles ist ungeklärt und umstritten. Aber ich denke, uns eint die Überzeugung, dass eine Alternative zum Kapitalismus nicht nur notwendig und möglich, sondern sogar dringlicher ist als zu Marxens Zeiten. Die Frage nach einer gesellschaftlichen Alternative zum gegenwärtigen Kapitalismus ist zur Frage nach der Existenz der Menschheit geworden. Es gehört zur Dramatik und der von uns verschuldeten Tragik, dass dies zu einem Zeitpunkt der Fall ist, zu dem die sozialistische Idee zumindest in Europa durch den Kollaps von 1989/90 diskreditiert und geschwächt ist. Aber die sozialistische Idee ist seit dem auch wieder frei. Jakob Monetas Geburtstag hat Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, trotzkistische Genossinnen und Genossen, religiöse und atheistische Sozialistinnen und Sozialisten zusammengebracht. Wenn wir lernen, mit einander so zu streiten, wie es Jakob mit uns allen tut, dann besteht die Chance, dass wir die neuen sozialistischen Möglichkeiten besser als in der Vergangenheit nutzen.  

 
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